Leben mit Mauern

31 Jahre Mauerfall

Eine Ausstellung von und für Kinder & Jugendliche
im Haus der Jugend FUCHSBAU, Berlin-Reinickendorf

Künstlerisches Konzept und Umsetzung: Annika Gemlau

In Kooperation mit dem Bezirkamt Reinickendorf von Berlin und der Bundesstiftung Aufarbeitung. Zur Pressemitteilung des Bezirksamt

Besonderer Dank geht an Saher, Mahdi Saleh und das wunderbare Team vom Fuchsbau, Philipp Wahry und alle beteiligten Kinder und Jugendlichen

Zum 31. Jahrestag des Mauerfalls wird zum 9. November 2020 im Reinickendorfer Haus der Jugend Fuchsbau in Berlin eine Ausstellung entwickelt, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowohl die Teilung Deutschlands als auch die Phase des Mauerfalls und der Wiedervereinigung erfahrbar machen soll. Neben 20 Ausstellungstafeln, die historische Zeitdokumente, Fotografien und Erklärungstexte, zeigen, wird das Ausstellungskonzept ausgebaut, um die historische Tragweite der Hauptzielgruppe nachhaltig zugänglich zu machen, indem sie nicht nur rational, sondern auch körperlich und emotional erlebt wird.

Die Besucher*innen des Jugendfreizeitheims Fuchsbau bilden in sämtlicher Hinsicht eine sehr heterogene Zielgruppe, die aufgrund ihres Alters die Teilung und Wiedervereinigung nicht selbst erlebt hat. Die lokale und noch junge Geschichte ihres Wohnortes ist – anders als bei älteren Erwachsenen – abstrakt und oft fern ihrer Lebensrealität, auch wenn die historischen Orte des Geschehens zu ihrem Alltag gehören. Der Versuch mit Hilfe von Infotafeln die historische Dimension der lokalen und gleichzeitig globalen Geschichte lebendig zu halten, mag bei erwachsenen Zielgruppen funktionieren. Für Jugendliche und junge Erwachsene ist diese klassische Ausstellungsmethode jedoch oft nicht attraktiv genug.

Es bedarf deshalb einer zusätzlichen, künstlerischen Intervention, die die konkreten historischen Ereignisse auf eine umfassendere Stufe hebt. Eine gewisse künstlerische Verfremdung der Ereignisse ist notwendig, um mit dem Erwartungshorizont der jungen Besucher*innen zu spielen, sie zu überraschen und so ihr Interesse zu wecken, damit sich zunächst ein emotionaler Zugang öffnet, der die nachhaltige Aufnahme von rationalen Informationen im Anschluss erst möglich macht.

Da die Hauptzielgruppe die geschlossene Berliner Mauer nicht selbst erlebt hat, gilt es als Vorstufe, das Gefühl des Getrenntseins heraufzubeschwören, um im Anschluss dieses Gefühl mit dem simulierten Mauerfall zu „befreien“. Dazu wird im Café eine Mauer errichtet, die erahnen lässt, dass hinter der Mauer Leben existiert, das sich ihnen entzieht. Leben und Leiden, zu dem sie keinen Zugang haben. Die Mauerinstallation ist 6 m lang, 2,25 m hoch und aus Sperrholzplatten errichtet. Der einzige räumliche Durchgang oberhalb der Mauer befindet sich deutlich oberhalb der Köpfe der Besucher*innen, sodass der Raum dahinter erahnt wird. Ein Dahinterblicken geschweige denn ein Erreichen des Raums hinter der Mauer bleiben verwehrt. Und auch wenn sich die Besucher*innen vor der Mauer frei bewegen können – sie können den Raum bspw. jederzeit betreten und auch wieder verlassen – müssen sie sich mit der Frustration auseinander setzen, dass sich ihnen etwas Grundlegendes entzieht.

Dieses Spiel mit der menschlichen Sehnsucht und Neugierde, Dinge und Leben durchdringen zu wollen, um sie begreifen und verstehen zu können, basiert auf dem postkolonialen Konzept vom Recht auf Opazität von Édouard Glissant: „Das Denken der Opazität der Welt […] heißt weiter, das nicht Entwirrbare, das ins Dunkel gepflanzt ist, so einzurichten, dass es auch für dessen nicht zwingende Klarheiten bestimmend ist.“ (Glissant 2012: 76). Stefanie Zobel (2015) beschreibt Opazität als „eine Trübung, mangelnde Durchsichtigkeit oder Verschwommenheit der Wahrnehmung“ (ebd.: 23). Dunkelheit und ausbleibende Identifizierungen werden damit zu Strategien, um der Auslieferung an verständnisorientierte Durchdringungen zu trotzen. Jedoch beabsichtige Glissant nicht, absoluter Präsenz mit einer Geste des vollständigen Verbergens beizukommen, so Jennifer Allen. Vielmehr handele sich um eine Form der Präsenz, „die weder sich selbst noch andere zu erklären braucht“ (Allen 2012: 7).

Fragmentierung, Verfremdung, Erzeugung von Brüchen zwischen Bildern und Sprachen, verzerrte Wiederholungen, Löcher, Leerstellen, Verschwommenheit, Undurchdringbarkeit und Dunkelheiten sind Möglichkeiten der verweigerten Aneignung, die Glissant herausgearbeitet hat.

Anstatt zu versuchen die historische Auseinandersetzung mit dem getrennten Deutschland durch ein So-ist-es-gewesen-Szenario anzuregen, indem ihnen eine absolute Wahrheit der Vergangenheit präsentiert wird, müssen sich die Besucher*innen mit ihrer eigenen Frustration auseinandersetzen, nicht vollständig verstehen zu können, wie es gewesen sein mag. Durch Gucklöcher in der Mauer, die an Einschusslöcher erinnern, können die Besucher*innen jedoch Blicke auf Fragmente werfen, die erahnen lassen, was sich ihrem Blick und ihrem Begreifen alles entzieht. Hinter den Gucklöchern werden Kartons angebracht, die jeweils den Blick auf Erfahrungsfragmente ermöglichen: mal ein Bild spielender Kinder, mal ein Zitat, die Fragen nach Freiheit, Sehnsucht nach Zuhause und einem Leben im Exil aufwerfen. Spärlich beleuchtet und in Kombination mit einer Soundkulisse erzeugt die Installation ein beklemmendes Szenario, das doch nicht ganz ohne Lebendigkeit und Hoffnung bleibt.

Das damalige Leben und Sterben zu Zeiten von BRD und DDR ließe sich niemals vollständig rekonstruieren. Aber das ist nicht unbedingt notwendig, um das Ausmaß von räumlicher Teilung und des Eingesperrtseins auf emotionaler Ebene erahnen zu können.

-Annika Gemlau-